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Wie Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt integrieren?

«Die Rechnung muss für beide aufgehen»

Die meisten Menschen mit einer Behinderung möchten gern arbeiten. Es gibt aber zu wenig Arbeitsplätze. Gemeinsam diskutieren die Industrie- und Handelskammer, KMU's, IV und Behindertenorganisationen am 23. März 2009 im «Pfalzkeller» dieses Problem – und suchen nach Lösungen. Es moderiert Walter Eggenberger.

Die Statistik ist klar. Gemäss Jahresbericht der Sozialversicherungsanstalt bezogen 2007 im Kanton St.Gallen 11955 Personen eine Invalidenrente. Das sind 3,9 Prozent der Personen im Erwerbsalter. Und gemäss den neusten Zahlen des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung sind rund doppelt so viele Menschen mit Behinderung von Arbeitslosigkeit betroffen wie Nichtbehinderte.

Dabei würden die meisten Menschen mit Handicap gerne arbeiten. Das weiss Roland Eberle, Geschäftsleiter der Selbsthilfeorganisation Procap St.Gallen-Appenzell mit rund 1500 Mitgliedern. «Weitaus die meisten Beratungen betreffen die Arbeitsintegration und Sozialversicherungen. Angebote im Bereich Freizeit und Mobilität erleichtern die Situation. Das Grundproblem der Arbeitslosigkeit lösen sie nicht.»

Warum Lösungen – nicht erst seit der Wirtschaftskrise – schwierig sind, weiss Bruno Schnellmann. Er leitet seit acht Jahren die Stellenvermittlung Profil – Arbeit & Handicap. «Es gibt immer weniger Nischenarbeitsplätze und Arbeitsstellen für Niedrigqualifizierte», sagt er, und: «Viele Arbeitgeber haben schlicht und ergreifend Angst, dass die Personalnebenkosten steigen, wenn sie Menschen mit einer Behinderung einstellen.»

Die Angst ist teils berechtigt. Ein festangestellter Arbeitnehmer mit Handicap geniesst auch alle Rechte wie Kündigungsschutz und Sozialleistungen. Aus diesem Grund bietet Profil andere Anstellungsmöglichkeiten, zum einen das Praktikum. Wiedereinsteiger mit einer Behinderung arbeiten zunächst ein halbes Jahr. Sie erhalten ein Zeugnis, die Möglichkeit, sich zu qualifizieren, und die Aussicht auf einen festen, nachhaltigen Arbeitsplatz – entsprechend dem Ziel von Profil.

Zum andern haben das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) und Profil den «Personalverleih» über www.xtrajobs.ch geschaffen. Profil begleitet Arbeitnehmende und berät Arbeitgeber. Das BSV übernimmt für ein Jahr die behinderungsbedingten Mehrkosten bei der Versicherung. Die Arbeitgeber sind so insbesondere gegen Rückfälle abgesichert.  

Bresga-Chef Bregenzer: «Wir haben Personalbedarf»

Gerade die IV würde durch die verbesserte Integration von Menschen mit einer Behinderung entlastet. Dies ist dringend nötig. So zielte die 5. IVG-Revision auf die verbesserte Arbeitsintegration ab. Teils bestehen bei der IV aber noch zu wenig Kapazitäten, um Arbeitswillige mit einer Behinderung individuell zu beraten.

Immerhin gibt es Arbeitgeber, die mit gutem Beispiel vorangehen. Einer von ihnen ist Patrick Bregenzer, Eigentümer der Bresga Innenausbau AG. Die Schreinerei zählt 25, die Fensterfirma seines Bruders 40 Arbeitnehmer. In den letzten Jahren stellte der 51-jährige Unternehmer vier Personen mit Handicap ein.

«Es ist wichtig, dass man die Anstellung einer Person mit Handicap nicht gerade dann plant, wenn die Geschäfte unter Hochdruck laufen.» Es gehe darum, «die Bedürfnisse des potenziellen Angestellten mit den eigenen zusammenzubringen, denn man hat immer wieder einen Personalbedarf. Die Rechnung muss für beide aufgehen.» Man habe auch eine Verantwortung, findet Bregenzer. «Man darf sich nicht über zu viele Ausgesteuerte und IV-Bezüger ärgern, man muss auch etwas dagegen unternehmen.»

Roman Weibel, Geschäftsleiter der Nutztierschutz-Organisation KAGfreiland, betreute in den vergangenen Jahren wiederholt Praktikanten mit Handicap während mehrerer Monate intensiv. Wird eine Person via IV-Stelle vermittelt, bezahlt er nur 25 Prozent des Lohns oder mindestens 500 Franken im Monat. Den Rest subventioniert die IV. Ziel ist auch hier eine nachfolgende Festanstellung aufgrund der Referenz. Trotz Aufwand ist der Betriebswirtschafter Weibel überzeugt: «Die Leute brachten uns mehr, als ich investierte.» Ihm gehe es aber ums Menschliche, betont er: «Ich will etwas Gutes tun für Leute, die es ein bisschen schwerer haben.»

Journalist Eggenberger: «KMU's kommt Schlüsselrolle zu»

Zwar ist das Problem Arbeitsintegration noch riesig. Dafür arbeiten für einmal alle gemeinsam an einer Lösung. Kurt Weigelt, seit rund zwei Jahren Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell, wirkt am Forum zum Thema Arbeitsintegration ebenfalls mit. Er räumt ein, dass es durch die Krise noch schwieriger geworden sei, einen Arbeitsplatz im unqualifizierten Bereich zu finden. «Das gilt aber auch für Junge.»

Weigelt ortet auch Systemprobleme: «Die Leistungen des Lohnersatzsystems sind teils zu hoch. Das führt dazu, dass einige Leute lieber Lohnersatz beziehen.» Auch die Mindestlohngarantie sei mitverantwortlich: «Bei einem Mindestlohn von 5000 Franken im Bauwesen ist jemand mit einer geringeren Qualifikation chancenlos. Das sehen heute auch Leute aus anderen politischen Lagern so.» Umgekehrt warnen gerade die Behindertenorganisationen vor Illusionen: «Es gibt auch Personen, die sich nicht integrieren lassen», sagen sowohl Roland Eberle als auch Bruno Schnellmann.

Moderiert wird der Anlass vom bekannten Journalisten Walter Eggenberger. Dieser leistet «gerne einen Beitrag zur Problemlösung» und findet es insbesondere gut, dass sich die Veranstaltung an KMU's richtet. «Eine grosse Firma kann sich die Einstellung einiger Personen mit Handicap eher leisten. KMU's sind der Schlüssel zu Integration von Menschen mit einer Behinderung in die Arbeitswelt.»

Die Veranstaltung «Forum im Pfalzkeller» mit Roland Eberle, Martin Boltshauser (Procap), Bruno Schnellmann (Profil – Arbeit & Handicap), Martina Schubert (dreischiibe St. Gallen), Susanne Schocher (IV-Stelle des Kantons St.Gallen), Kurt Weigelt (Industrie- und Handelskammer SG-AR), Patrick Bregenzer (Bresga Innenausbau AG), Roman Weibel (KAGfreiland) und Walter Eggenberger (Moderation) findet am Montag, 23. März 2009, um 18.15 Uhr im «Pfalzkeller» statt.  

Anmeldung fakultativ: dreischiibe, Martina Schubert FAX 071 243 58 90, Mail: mschubert@dreischiibe.ch  

Michael Walther

(Journalist und Autor in Flawil SG. Er arbeitet für verschiedene Behindertenorganisationen.) 

 

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